Marzipan, Buddenbrooks und die Passat
Das Hotel „Alter Speicher“ in Lübeck hat zwischen Buchung und Anreise seine Pforten für immer geschlossen und vergessen, dass seinen Gästen mitzuteilen. Der Mitarbeiter, dessen Telefonnummer noch immer an der Tür steht, weiss nicht genau, ob er noch Mitarbeiter ist, fühlt sich aber nicht zuständig. Kurzerhand müssen wir für unsere 19-köpfige Gruppe aus Berlin und Wien spontan eine neue Bleibe finden. Es gibt noch genau ein Hotel mit 10 freien Zimmern. Die Wanderfahrt Lübeck – Travemünde kann starten!
Geografisch Gebildete werden sofort einwenden, dass Travemünde von Lübeck nicht allzu weit weg ist und das nach einer sehr kurzen Wanderfahrt klingt. Nun kann man Ruderfahrten ganz unterschiedlich gestalten: rein ins Boot und Kilometer machen oder ganz tief eintauchen in Geschichte, Literatur und Kulinarik und dabei auch rudern. Das Berliner Organisatorenduo Alexander und Irene vom Ruderklub am Wannsee hat zweiteres gewählt und eine Kurzreise mit allem Drum und Dran zusammengestellt, um die sie jedes Reisebüro beneiden würde.
Mit einer Ausgabe der „Buddenbrooks“ im Gepäck bin ich in Thomas Mann’s Geburtsstadt gereist. Die Berliner haben das Buch selbstverständlich schon in der Schule gelesen und vor ein paar Wochen zur Vorbereitung ihre Erinnerungen bei einem Buddenbrook’schen Filmabend aufgefrischt. Wir folgen der Familie durch die Gassen, Kirchen und Restaurants. Die Reiseleitung hat Referatsthemen ausgegeben und so umfasst diese Ruderreise nicht nur Sport und Fischbrötchen, sondern auch geistige Nahrung über das Holstentor, die Hanse, Marzipan, Priwall, … Mens sana in corpore sano.
Zum Begrüßungssekt stimmt der ruderinternen Männergesangsverein ein Liedchen an – „Row row row your boat“ – getragen von den Männerstimmen – spontan, ungeprobt und bühnenreif ergänzt von wohlklingenden Damenstimmen. So hat noch keine Wanderfahrt in der Musikstadt Wien begonnen – das hat Klasse!
Viele neue Gesichter gilt es, sich zu merken. Namen nicht so viele. Mit der Truppe lässt sich gut Memory spielen, fast alle gibt es doppelt: Robert, Michael, Irene, Stefan, Reinhard, und fast Bettina, wäre nicht eine von diesem Namenspärchen krank geworden.
Die raffinierte Tourenplanung streckt die 24 km nach Travemünde mit ein paar Extratouren, damit sich ein 4-tägiges Ruderprogramm ausgeht. Zum Einrudern umrunden wir die pitoreske Atlstadt mit ihren sieben Türmen. Als Pausensnack werden Eisbecher mit Schlag ins Boot gereicht.
Ein angemessen sakraler Kanon ertönt in der St.Petri-Kirche – „In der Weihnachtsbäckerei“ wird als zu profan mehrheitlich abgelehnt. Schließlich gedenken wir hier der verunglückten Matrosen der „Palmir“, die 1957 im Atlantik gesunken ist. Sechs Seeleute konnten sich in dem Boot retten, das heute in der Kirche an das Unglück erinnert. Nachmittags berudern wir die Wakenitz – den ehemaligen Grenzfluss zur DDR. Großartige Anwesen säumen die Ufer, alles blüht und grünt. Es ist Mitte Mai – das muss man sich immer wieder ins Gedächtnis rufen, denn die Temperaturen lassen eher an Februar denken. Die Steuerleute sind in Daune und wollige Mäntel gepackt. Beim Rudern kommt man auch nicht ins Schwitzen. „In der Weihnachtsbäckerei“ wird trotz der Temperaturen nicht gesungen.
Abends speisen wir traditionelle deutsche Küche – Sachen wie Labskaus – in der „Schiffergesellschaft“ im ehemaligen Gildehaus des Seefahrerverbands, das seit 1401 dort steht und seit 150 Jahren ein beliebtes Restaurant beherbergt, nachdem die Pflichtbeiträge abgeschafft wurden und die Hausbesitzer dringend eine neue Einnahmequelle benötigten.

Bevor es auf große Fahrt geht, shoppen wir noch Marzipan. Der lokale Kleinproduzent Mest schlägt in Geschmack und Konsistenz den Platzhirschen Niederegger, den wir natürlich auch verkostet haben. Man will sich ja selbst ein Urteil bilden.
An Tag 3 geht’s tatsächlich nach Travemünde. Toni Buddenbrook braucht mit der Droschke zwei Stunden, im Vierer mit Steuermann brauchen wir drei. Der Wind bläst und manche Welle lässt Vorfreude auf die Ostsee aufkommen – auf der wir später eine Ehrenrunde drehen werden. Ein kurzer Schauer reicht, dass wir so richtig nass werden. Bei der Einfahrt in Travemünde sind wir wieder aufgetrocknet und rudern an der stolzen „Passat“ vorbei. Sie ist das Schwesternschiff der „Palmir“ aus der Flying P-Liner-Serie der Reederei Laeisz, deren Schiffe alle auf einen Namen mit P getauft wurden – von Preussen bis Pudel. Auch dazu gibt es ein passendes Lied – diesmal in Plattdeutsch. War zwar schwer zu verstehen, aber Weihnachtsbäckerei kam definitiv nicht vor.
Die „Passat“ ist nicht nur Sehenswürdigkeit, sondern auch unser Nachtquartier. In der Luke IV verteilen wir uns in 4er-Kajüten mit Stockbetten zum selbst Überziehen, Gemeinschaftsduschen und do-yourself-Frühstück. Jugendherbergscharme auf Windjammerniveau. Voll Optimismus wird „Pack die Badehose ein“ angestimmt. Nach Baden ist aber niemandem zumute. Wahrscheinlich geht es dem Herrenchor gar nicht um’s Baden, sondern um nostalgische Gedanken an ihren Wannsee.


Die Trave zurückrudern nach Lübeck ist das Programm von Tag 4. In die Gegenrichtung ist es immer noch anstrengend, auch wenn der Wind nachgelassen und der Regen sich verzogen haben.
Mit Booten rein, Mittagspause und Booten raus braucht man natürlich länger als 3 Stunden und bei der Wahl zwischen Boote waschen und Abschiedsbier gewinnt leider Boote waschen. Züge und Flieger haben fixe Startzeiten, da lässt sich nichts machen. Schnelle Gruppenverabschiedung und Verstreuung in alle Windrichtungen.




„In der Weihnachtsbäckerei“ wurde trotz mehrmaligen Vorschlags bis zuletzt nicht gesungen.
Facts:
- Tourplanung: Ruderklub am Wannsee
- 19 Ruderer- und innen aus Berlin, Wien (Donauhort), Klosterneuburg (Normannen), Leiden, Erfurt, …
- Boote der Lübecker Rudergesellschaft – Danke dafür!
- gerudert: 79 km
- Landdienst: 162 km – musste mehrere Umwege machen